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Für Sie gelesen: Ein Aufruf zu mehr digitaler Kompetenz

Psychologe und Risikoforscher Prof. Dr. Gerd Gigerenzer fordert in seinem neuen Buch „Klick – Wie wir in einer digitalen Welt die Kontrolle behalten und die richtigen Entscheidungen treffen“ die Leser*innen dazu auf, digital kompetente Bürger*innen zu werden. Wir haben das neue Buch von Gerd Gigerenzer für Sie gelesen.

Im Jahr 2014 war Gerd Gigerenzer beim zweiten BTV Anleger-Symposium der BTV als Vortragender zu Gast, dabei sprach er über die Bedeutung, Treffsicherheit und Konsequenz von Entscheidungen. Seine Hauptbotschaft war damals, dass angesichts sich dynamisch verändernder Situationen, in denen ein hohes Maß an Ungewissheit herrscht, Angst und Panik keine adäquate Antwort seien.

In seinem neuen Buch stellt Gerd Gigerenzer nun eine Reihe spannender Fragen zu unserem digitalen Leben, über die es dringend nachzudenken gilt: Sollen wir einer Person vertrauen, die wir nur durch Online-Dating kennengelernt haben? Sollen wir Algorithmen vertrauen, wenn es dabei geht zu bestimmen, wer eine Stellung, ein Darlehen oder Sozialhilfe bekommt? Wie viele der unfassbar positiven Fünf-Sterne-Bewertungen eines Produktes, für das wir uns gerade interessieren, sind echt? Können wir Social-Media-Plattformen vertrauen? Wie nutzen autoritäre Staaten diese Netzwerke? Wo sollten wir vorsichtig sein? Angesichts dieser teils unangenehmen Fragestellungen könnten wir entweder die Augen schließen und das Beste hoffen. Oder wir treffen bewusste Entscheidung, zu digital kompetente Bürger*innen werden, so Gigerenzer.

Das Gleichnis vom Gratis-Café

Wie verlockend ist das: Wenn Sie Ihre Familie oder Ihre Freunde treffen wollen, gehen Sie in ein Kaffeehaus, in dem Sie nichts zahlen. Alles ist gratis. Was will man mehr? Ein Stückchen Paradies. Da wir jedoch auf Erden sind und es in der Marktwirtschaft keinen „free lunch“ gibt, vermuten wir einen Haken. Und richtig: Während wir die Stunden mit unseren Lieben im Kaffeehaus verbringen, zeichnen Wanzen und Kameras, in Tischen und Wänden versteckt, alles auf, unsere Gespräche, unsere Beziehungen, unsere Wünsche.

Der Kaffeehausbetreiber weiß bald mehr über uns als unsere Lebenspartner. Und dann schwirren ständig Verkäufer um uns herum, die uns ständig unterbrechen und uns genau das anbieten, was wir gerade brauchen könnten. Diese Verkäufer zahlen dann im übertragenen Sinne unseren Kaffee. Nach diesem Muster funktionieren laut Gigerenzer Plattformen wie Facebook, Instagram, etc.

Wie Social Media Plattformen ihre Nutzer*innen binden

Soziale Netzwerke nutzen geschickt das menschliche Belohnungszentrum. Positive Kommentare wirkten wie Verstärker und Likes wie kleine, digitale Umarmungen, deren Anzahl die Frequenz und das Timing beim Posten der Nutzer*innen bestimmen. Suchtpotenzial hätten laut Gigerenzer insbesondere unregelmäßig eintreffende Likes, weil Nutzer*innen dann unbewusst ständig darauf warten würden. Daneben gäbe es weitere Techniken, um die Nutzer*innen fest an die Plattform zu binden. Die Folge und der Preis dieser Bindung sei laut Gigerenzer aber ein fortwährender Zustand der Ablenkung.

Lassen wir uns leichtfertig überwachen?

Auf die Tatsache hingewiesen, dass Unternehmen ihre digitalen Spuren sammeln, würden viele vielleicht achselzuckend antworten: „Ich habe nichts zu verbergen.“ Gigerenzer kontert in seinem Buch darauf mit der Gretchenfrage: Würden Sie Ihr Smartphone auf der Straße einem Fremden überlassen, damit er die Inhalte herunterladen kann? Laut Gigerenzer sei den Menschen in Deutschland und Österreich ihre Privatsphäre zwar sehr wichtig, gleichzeitig würden sie in der digitalen Welt akzeptieren, dass ihre persönlichen Daten gesammelt und ausgewertet werden.

Wirklich nur personalisierte Werbung?

Tech-Giganten versprechen Unternehmen, die auf ihren Plattformen werben wollen, dass mittels personalisierter Werbung genau jene Personen angesprochen werden können, die ihr Produkt benötigen oder sich dafür interessieren. Im Hintergrund übernimmt Künstliche Intelligenz (KI) dazu die Aufgabe, tausende Datenpunkte sinnvoll zu kombinieren. Laut Gigerenzer würden Datenmakler wie Acxiom und Oracle Data Cloud Daten aus verschiedenen Quellen erhalten und daran arbeiten, für jede Bürger*in ein umfassendes Profil anzulegen. Diese Datenmakler würden dabei die gleichen Technologien anwenden, mit denen auch Chinas Sozialkredit-Systeme entstehen.

Gigerenzer fordert verständlichere Formulierungen bei Datenschutzbestimmungen

Gerd Gigerenzer ist auch als Berater für das deutsche Verbraucherschutzministerium tätig. Dabei ist ihm wichtig, dass (Tech-)Unternehmen oftmals unleserliche Dokumente durch einen „Einseiter“ ersetzen müssen, der verständlich erklärt, welche persönlichen Informationen gesammelt und an welche Dritte geschickt werden. Außerdem müssten die Nutzer ausdrücklich gefragt werden, ob sie akzeptieren, dass die Plattform der neue Besitzer ihrer Bilder und Daten ist.

Künstlichen Intelligenz vs. menschliche Intelligenz

Komplexe Algorithmen würden am zuverlässigsten in wohldefinierten, stabilen Situationen arbeiten, in denen große Datenmengen zur Verfügung stehen, so der Autor. Sie könnten sogar den Schach-Weltmeister schlagen, denn viele Problemstellungen sind lediglich eine Frage der Rechenkapazität. Die menschliche Intelligenz jedoch habe sich entwickelt, um Ungewissheiten zu bewältigen. Denn angesichts einer dynamischen Situation, dessen Ausgang ungewiss ist, hat es laut Gigerenzer wenig Sinn, nach der optimalen Lösung zu suchen, sondern es ist effektiver, auf zufriedenstellende Lösungen hinzuarbeiten. In solchen Fällen sei es besser, Faustregeln (Heuristiken) zu entwerfen, welche auf ausgesuchten und zuverlässigen Daten beruhen: Welche Straftäter sollen auf Kaution freigelassen werden? Wer soll eine geringe Prämie bei der KfZ-Haftpflichtversicherung zahlen?

„Klick – Wie wir in einer digitalen Welt die Kontrolle behalten und die richtigen Entscheidungen treffen“ ist ein anregendes Buch mit vielen anschaulichen Beispielen, in denen man sich wiedererkennt. Man muss Gigerenzer’s kritische Sicht auf unsere digitale Welt sicher nicht in jedem Punkt teilen: Nach der Lektüre des Buches werden die meisten Leser*innen aber in jedem Fall mit neuem Wissen sicherer durch die digitale Welt navigieren und online klügere Entscheidungen treffen.

Gerd Gigerenzers Buch ist im Verlag C.Bertelsmann, München, 2021, erschienen. 

Zur Person

Gerd Gigerenzer forscht über begrenzte Rationalität, Heuristiken und über die Frage, wie man rationale Entscheidungen angesichts begrenzter Zeit und Information und einer ungewissen Zukunft treffen kann. Der breiten Öffentlichkeit ist er mit seinem Buch „Bauchentscheidungen“ bekannt geworden, welches in 17 Sprachen übersetzt und veröffentlicht wurde.

  • 1984 bis 1990 Professor für Psychologie an der Universität Konstanz
  • 1990 bis 1992 an der Universität Salzburg und
  • 1992 bis 1995 an der University of Chicago
  • 1995 bis 1997 Direktor am Max-Planck-Institut für psychologische Forschung in München, bevor er an das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung nach Berlin wechselte.
  • Bis 2017 Direktor der Abteilung Adaptives Verhalten und Kognition
  • Seit 2009 ist er Direktor des Harding-Zentrum für Risikokompetenz